Gedanken über Bulldoggen

In den letzten Jahrzehnten hat sich in der Bulldogszene einiges getan, und oftmals ist die Vielzahl der unterschiedlichen Zuchtrichtungen verwirrend.

Der englische Bulldog ist eine der ältesten Hunderassen, viel älter als die organisierte Rassehundezucht. Über seine Geschichte gibt es schon gute Zusammenfassungen im Internet, sodaß hier nicht alles wiederholt werden soll.

Eines scheint mir aber wichtig, nochmals zu betonen: Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatte der Begriff "Rasse" noch gar nicht die Bedeutung, die er heute hat! Es gab keine Hunde mit "Papieren", es gab noch keine Ausstellungen, höchstens Leistungswettbewerbe. Der Wert und damit auch der Zuchtwert eines Hundes richtete sich nach seinem Gebrauchswert – das galt für den Schäferhund wie für den rattenjagenden Yorkshire Terrier! Der praktische Erfolg bestimmte, ob die Welpen eines Hundes begehrt waren und ob sie in der Zucht weiter verwendet wurden, nicht in erster Linie das Aussehen und schon gar nicht eine "lupenreine" Ahnentafel!

Damals galt gerade in England die gelegentliche Einkreuzung von "frischem Blut" auch durchaus nicht als Frevel, sondern als übliche und gute Praxis. In der Rassegeflügelzucht ist das übrigens auch hierzulande heute noch so. Wenn man innerhalb der eigenen Rasse kein Tier fand, das die gewünschte Eigenschaft mitbringen konnte, griff man selbstverständlich auch gelegentlich auf ein hervorragendes Tier einer ganz andere Rasse zurück! So schreibt Jackson: "Als 1814 Prinzessin Charlotte Charlie Aistrop einlud, seinen Terrier Billy (der berühmt war, weil er 100 Ratten in fünfeinhalb Minuten getötet hatte) mit einer ihrer Tricolor Toy Spaniel-Hündinnen zu verpaaren, tat sie es wahrscheinlich nicht, weil ihr Zuhause von einer Rattenplage heimgesucht wurde, oder weil sie vorhatte, mit ihren Hunden in den Rattenkampf-Wettbewerben mitzumachen, sondern einfach, weil ihr klargeworden war, daß ihre Hunde eine Zufuhr von kräftigem Blut brauchten." (Dog Breeding, the Theory and the Practise, p. 47)

Erst als sich die Rassehundeclubs gründeten – und der Bulldog-Club kann sich rühmen, der älteste von ihnen zu sein – erst dann wurden Rassebeschreibungen, die Standards, festgelegt und die Hunde der Züchter in diesen Clubs (die durchaus nicht alle im heutigen Sinn "reinrassig" gewesen sein mochten, die daher auch im Typ durchaus starke Unterschiede aufwiesen, aber im wesentlichen der Rassebeschreibung entsprachen) im Zuchtbuch registriert. Erst viel später wurden die Register geschlossen; das heißt, auch eine nur einmalige Einkreuzung eines Tieres, dessen Abstammung sich nicht lückenlos auf die im Register aufgenommenen Ausgangstiere zurückführen ließ, war nicht mehr erlaubt. Dies war einer der größten Fehler in der Rassehundezucht, und heute werden die Zuchtbücher zum Teil, wenn auch zögerlich, wieder geöffnet!

Denn eigentlich verändert eine solche GELEGENTLICHE Einkreuzung eines hervorragenden "fremden" Tieres eine Rasse gar nicht so sehr, bringt aber erwünschte neue Eigenschaften in den Genpool ein. Bei gezielter Rückkreuzung auf die eigene Rasse lassen sich auf diese Weise innerhalb weniger Generationen defekte Gene ausmerzen oder erwünschte Merkmale festigen und doch bleibt der Grundtyp erhalten. Ein hervorragendes Beispiel sind die Backcross-Dalmatiner in den USA.

Aber was hat das alles mit Bulldoggen zu tun? Leider ist der übertrieben schwere, großköpfige und kurznasige Körperbau der modernen englischen Bulldogge, der so lustig anzusehen ist, meist mit Problemen bei der Geburt, Herzfehlern, Schwierigkeiten bei der Atmung und anderen Problemen verbunden. Kritik an der Gesundheit der englischen Bulldogge ist daher schon lange immer wieder laut geworden, auch von Züchtern selbst.

So wundert es nicht, daß immer wieder Versuche unternommen werden, nach dem Vorbild der alten Züchter "frisches Blut" in die Rasse zu bringen, neue Gene, die Vitalität und einzelne Merkmale verbessern sollen. Eine auch nur einmalige Einkreuzung eines Tieres, das nicht im Zuchtbuch steht (das aber vielleicht eine schöne gerade Rute = undeformierte Wirbelsäule hat, die in der eigenen Linie nicht mehr vorkommt), wird jedoch heutzutage, wie gesagt, von England, dem Mutterland der Rasse, nicht mehr akzeptiert. Damit fordern die Engländer die Entstehung neuer Bulldog-"Rassen" geradezu heraus!

Verschiedene Züchter versuchten in den letzten vier Jahrzehnten, dem alten Bulldogtyp wieder näherzukommen.

historische Bulldog-Zeichnung
"The Bulldog", 1887

 

historisches Bulldog-Photo - Ivel Doctor
"Ivel Doctor"

 

Mit ihrer strikten Weigerung, die Zuchtbücher zumindest ein wenig zu öffnen, berauben sich die Engländer selbst jeder Möglichkeit, von anderen Zuchtlinien zu profitieren. Dabei wären etliche der "neuen", "alternativen" Bulldoggen zur Gründungszeit des Bulldog Clubs mühelos ins Register aufgenommen worden.

In letzter Zeit ist der Bulldog-Standard von der FCI überarbeitet und in den Extremen etwas abgemildert worden. Natürlich ist es nur zu begrüßen, wenn Züchter Wege zu finden versuchen, auch innerhalb der English Bulldog-Reinzucht zu mehr Gesundheit und Belastbarkeit zu kommen. Sie scheinen aber auch nicht zu bedenken, daß die Idee der "Reinzucht" eine vergleichsweise junge ist, geboren im 19. Jahrhundert in einer Situation, als massive Einkreuzungen spanischer Riesenbulldoggen den damaligen, leichteren Typ der englischen Bulldogge stark zu verändern drohten - aber in Wirklichkeit hat sich die Rasse seitdem auch ohne Einkreuzungen stark verändert, und zwar genau in die Richtung, die durch die Gründung des Clubs vermieden werden sollte!

Einerseits müßten also die Bulldogzüchter, müßte insgesamt die Rassehunde-Welt zu dem Bewußtsein zurückfinden, daß eine ausnahmsweise, gezielte Einkreuzung eines hervorragenden Tieres einer anderen Rasse nicht gleich den Untergang bedeutet – ja im Gegenteil von Vorteil sein kann.

Auf der anderen Seite sehen wir aber auch, wie manche Befürworter von Einkreuzungen die Sache gleich wieder bis ins andere Extrem übertreiben. Da werden Farben in die Zucht aufgenommen, die bei Bulldogs noch nie zugelassen waren, da wird eine Vielzahl von Rassen in einem Maße eingekreuzt, daß vom Wesen, ja zum Teil sogar vom Aussehen einer Bulldogge wirklich nichts mehr erkennbar ist, oder gar Hunde auf martialische Weise als gefährliche, kämpfende Bestien gezeigt – als ob uns gerade das in einer Zeit der Diskussion um "Kampfhunde-Rassen" noch gefehlt hätte.

Wir denken eigentlich, daß die Wahrheit in der Mitte liegt. Wir lieben das freundliche Wesen des heutigen englischen Bulldogs, der auf so charmante Art eigensinnig ist, der gutmütig ist und den seine witzigen Einfälle bei scheinbar völlig ernsthaftem Aussehen unwiderstehlich machen. Wir sind überzeugt, daß eine Rückkehr zu weniger übertriebenen körperlichen Merkmalen nicht dieses Wesen verändern muß, auch wenn man in geringem Umfang auf Zuchtpartner außerhalb des "Reinzucht"- Zuchtbuches zurückgreift, denn auch dort gibt es durchaus solche mit absolut bulldogtypischem Wesen. Und da es beim historischen Bulldog auch keinen einheitlichen Typ gab, bleibt ein gewisser, wenn auch nicht unbegrenzter, Spielraum in der Beurteilung, welcher Alternative Bulldog dem historischen Bulldog am ähnlichsten sieht. Im Zweifelsfall müssen aber immer das WOHLBEFINDEN und das WESEN der Tiere die Richtung angeben, auch davon hängt eben ganz entscheidend die Freude der Besitzer an ihrer Bulldogge ab!